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Kern der mittelalterlichen Universität rekrutieren. Die Magisteruniversität
Leipzig bildete die Artistische (Phi- des Mittelalters war mehr auf Weiter-
losophische) Fakultät, wo im Sinne gabe des vorhandenen Wissens als auf
eines Gymnasiums die Grundlagen neue Erkenntnisse ausgelegt.
für das Studium an einer der drei
höheren Fakultäten (/ eologie, Jura, Zu Wincklers Kommilitonen ge-
Medizin) gelegt wurden. Man unter- hörte der 1497 in Leipzig geborene
richtete beispielsweise Metaphysik, Christoph Krusch witz, genannt
Poesie, Grammatik und mathemati- Türk. Nach dem Baccalaureat an der
sche Grundlagen. Seit der Gründung Artistischen Fakultät 1516 ging er
einer konkurrierenden Universität in zum Jura-Studium nach Italien. 1521
Wittenberg (1502) im Zusammen- wurde er an die Juristische Fakultät
hang mit der Landesteilung durch die in Leipzig berufen. Winckler erlangte
Wettiner bemühte sich Herzog Georg seinen Abschluss als bacc. jur. 1522 an
der Bärtige um zeitgemäße Reformen der Juristischen Fakultät bei Ludwig
in Leipzig. Die Hauptvorlesungen an Fachs auf dem Gebiet des kanoni-
der Artistischen Fakultät waren da- schen Rechts.
nach kostenlos. Im Sommersemester
1509 stand diese Fakultät unter der Wincklers Studienzeit wurde theo-
Leitung des Dekans Arnold Wöste- logisch durch die beginnende Re-
feld. Voraussetzung für eine Gra- formation von Martin Luther im
duierung an einer der drei höheren nahen Wittenberg geprägt. Jener
Fakultäten war im Allgemeinen ein brandmarkte 1517 mit seinen 95
artistischer Magistergrad, wobei jener / esen den Ablasshandel, mit dessen
aber nicht den selben Stellenwert wie Hilfe Albrecht von Brandenburg,
der Magister (Promotion) an einer als Erzbischof von Magdeburg ein
der drei höheren Fakultäten besaß. Vorgesetzter Luthers, % nanziellen
Den Übergang von der Artistenfakul- Verp# ichtungen gegenüber dem
tät auf eine der drei höheren scha+ - Papst im Zusammenhang mit der
te nur eine kleine Elite. Die große Berufung in seine Ämter nachkam.
Mehrzahl der Studenten verblieb an Der Berliner Kurfürstensohn Alb-
der Artistischen Fakultät, ohne je eine recht, 1513 mit 23 Jahren Erzbischof
Graduierung zu erlangen. Studenten, von Magdeburg und Administrator
die es sich leisten konnten, wechselten von Halberstadt geworden, seit 1514
für ihr Jura- oder / eologiestudium Erzbischof und Kurfürst von Mainz,
häu% g die Universität. Der Wert der residierte ab 1514 in Halle auf der
mittelalterlichen Graduierungen lag Moritzburg. 1518 wurde er Kardinal.
weniger auf wissenscha* lichem Ge- Diese Ämterhäufung war aber nicht
biet, es ging vielmehr darum, neues nur Ausdruck seines persönlichen
Lehrpersonal für die Universität zu Ehrgeizes, sondern auch von Interes-
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