Page 291 - Lebensbilder_aus_der_Oberlausitz
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Kolorismus traditionell geprägt, im   dung am Fletcher‘schen Lehrersemi-
        Leitungsgremium der Akademie, dem  nar in seinem Atelier arbeiten. Mit
        akademischen Rat, ab. Insbesondere   dem au¤  ommenden Expressionismus
        Kuehl, ein ehemaliges Gründungsmit-  und später der Neuen Sachlichkeit
        glied der Münchner Sezession, nahm   sowie dem Aufstieg solcher Maler wie
        großen Ein# uss auf die Gestaltung   Otto Dix schwand jedoch Schind-
        der I. Internationalen Kunstausstel-  lers Reputation. Als Künstler ist er,
        lung in Dresden, in der sich nach dem  selbst ein tiefgläubiger Christ, durch
        Vorbild der Münchner Sezessionisten   Monumental- und Altarbilder in
        Ein# üsse von Impressionismus und   Kirchen hervorgetreten. Sie werden
        Jugendstil widerspiegelten. Auch    für ihre Harmonie in Farbe und
        Schindler schuf in jener Zeit Gemäl-  Form gerühmt. Das Wandaltarbild in
        de, die diesen Stilrichtungen, teilweise  Klotzsche (1905–1907) zeigt, in Kas-
        in gemischten Formen, zuzuordnen    einfarben direkt auf Putz gemalt, die
        sind. Im Deutschen Künstlerbund,    Kreuzigung Christi. Viele von Schind-
        der die Sezessionisten vereinigte, war   lers Gemälden sind volkstümlich
        er Mitglied. Aus der verbliebenen   gestaltet. Das Altarbild in der Luther-
        bzw. wieder gewachsenen Distanz     kirche Chemnitz (1908) zeigt Jesus
        zum Impressionismus entwickelte     inmitten einfacher Menschen – den
        Schindler später, wie der Bautzener   Kirchenbesuchern im gutbürgerlichen
        Hans Unger, einen eigenen neorea-   Lutherviertel oblag es, das Bild zu
        listischen, farbintensiven Malstil. Vor   deuten. Die „Emmausjünger“ (1915)
        allem der Dresdner Anzeiger, unter   in der Kirche Freital-Potschappel
        dem Kunstredakteur Paul Schumann    tragen die Kleidung von Stahlarbei-
        ein Fürsprecher der Avantgarde, ge-  tern. Auch in Otterwisch, Jahnsbach
        hörte zu den Kritikern.             und Bischofswerda % nden sich noch
                                            heute Schindlers Kirchengemälde, das
        Im Jahre 1900 erhielt Schindler eine   Altarbild der Dresdner Annenkirche
        Anstellung an der Kunstakademie,    wurde 1945 zerstört. Ein christliches
        drei Jahre später erfolgte die Beru-  Motiv zeigt zudem das monumentale
        fung zum Professor. Bis 1924 bildete   Wandbild im heutigen Evangelischen
        er Generationen von Kunststudenten   Gymnasium Annaberg.
        aus. Schindler lehrte in der Mittel-
        klasse (Gipssaal) und der Oberklasse   Schindler ließ sich von seinen Reisen
        (Aktsaal, Malsaal). Zu seinen namhaf-  („Am Gardasee“), von der Sagen-
        testen Schülern zählten George Grosz,  welt („Siegfried“) und der deutschen
        Karl Hanusch, Bernhard Kretzschmar   Geschichte („Schiller, aus Don Carlos
        und Paul Wilhelm. Er entdeckte      vortragend“) inspirieren, nahm aber
        zudem das Talent von Hanns Georgi   auch zu Ereignissen der Zeitgeschich-
        und ließ ihn während dessen Ausbil-  te Stellung mit „Weltbrand 1914“.

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