Page 274 - Lebensbilder_aus_der_Oberlausitz
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Adreß-Comptoir, einer Vermittlungs-  sprüngliche Verbote. Damit machte er
        anstalt zu Produkten, Dienstleistun-  seinerseits Crell und dessen „Dresd-
        gen und Informationen, und dem      ner Merkwürdigkeiten“ Konkurrenz.
        damit verbundenen Anzeigenblatt.    Er druckte auch Preislisten und
        Weder die Erben des wirtscha* lich   kirchliche Nachrichten neben Fami-
        erfolglosen Vorbesitzers Gottlob    lien-, Stellen- und Gerichtsanzeigen
        Christian Hilscher noch dessen      und Wohnungsangeboten. Die „Ge-
        ehemaliger Konkurrent Johann        lehrten Anzeigen“ richteten sich an
        Christian Crell wollten die 1730    Wissenscha* ler, die ihr Wissen und
        gegründete, erste Zeitung Dresdens   ihre Gedanken auf unterhaltsame Art
        fortführen. Andererseits wuchs mit   einem breiten Leserkreis nahebringen
        der zunehmenden Bevölkerung und     wollten. Neben /  eologie, Jura, Me-
        wirtscha* lichen Aktivität der Bedarf   dizin, Wirtscha* , Naturwissenschaf-
        daran. Die landesherrliche Zustim-  ten, Landwirtscha*  und Geschichte
        mung beinhaltete die Übertragung    fand sich auch Raum für Poesie und
        der Hilscher‘schen Konzession, ohne   Literatur. Richter selbst beteiligte sich
        den Abdruck von Kirchennachrichten  mit einigen Gedichten. In der Hoch-
        zu gestatten. Die strikte Trennung von  zeit der Kleinstaaterei bildeten Artikel
        Anzeigenblättern, politischen Zei-  über das Münzwesen einen gewissen
        tungen und speziellen Nachrichten-  Schwerpunkt. Ein solcher Beitrag
        zetteln wie jenen der Kirchner wurde   erregte 1752 das Missfallen des Hofes,
        eifersüchtig verteidigt. Bei Richter   der sich bei der Zensur, also dem
        erschien das Anzeigenblatt ab dem 1.   Stadtrat, beschwerte. Der Autor hatte
        Juli 1749 wöchentlich. Es sollte bis zur  Sachsen zwar gegen Kritiken in einer
        Gründerzeit vorrangig ein Inseraten-   Berliner Zeitung wegen der Qualität
        und Amtsblatt bleiben, bis es ab 1869   sächsischer Münzen verteidigt, somit
        die Redakteure Eduard Ferdinand     aber publik gemacht, dass es eine
        Springer, Hermann /  enius und      solche Kritik gab. Richter redete sich
        L=]>q?@| LK=@ zu einer führenden    damit heraus, dass er das Manuskript
        Zeitung heutigen Zuschnitts machten.  anonym erhalten habe. Den Autor
        Bereits Richter hatte aber das Konzept  konnte oder wollte er nicht nennen.
        der Zeitung erweitert. Als Neuerung   Die Recherche in der Druckerei in
        gab es die „Gelehrten Anzeigen“ als   Löbau nach dem Originalmanuskript
        Beilage. Zudem tauchten unter „Ver-  blieb erfolglos. Richter weitete auch
        mischtes“ aktuelle Nachrichten auf.   den Vertrieb aus, allerdings musste
        Richters Credo bestand darin, „Vielen   er die meisten Ausgabestellen, wie in
        zu nutzen, einen jeden zu vergnü-   Berlin, Breslau, Hamburg und Wien,
        gen und niemanden zu beleidigen“.   wieder schließen. Neben Leipzig
        Er publizierte lokale und regionale   verblieben nur Görlitz und Löbau.
        Nachrichten und ignorierte dabei ur-  Letztere waren naheliegend, weil die

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