Page 268 - Lebensbilder_aus_der_Oberlausitz
P. 268

auch ohne Pfarrer abgehalten. Geist-
        lichen Beistand erhielt die Gemeinde   Oberlausitzer Wurzeln
        vom reformierten Oberhofprediger     der böhmischen
        von Berlin, Daniel Ernst Jablonsky.   Gemeinde in Berlin
        Petermann, der zunächst nur für
        ein Jahr in Berlin hatte bleiben und   1729 begann der preußische König
        danach nach Halle zurückkehren
        wollen, beschränkte sich bald auf    Friedrich Wilhelm I., in der Fried-
        seine Aufgaben als Lehrer. Andreas   richstadt protestantische Böhmen
                                             anzusiedeln. Ein großer Teil der seit
        Macher, zuvor Konrektor in Teschen,   etwa 1717 in Großhennersdorf un-
        übernahm 1735 die Pfarrstelle.       tergekommenen und ursprünglich
        Petermann unterrichtete in Berlin
        etwa 70 Kinder. Die Organisation     aus den Landkreisen Leitomischl
        des Schul- und Katechismusunter-     und Landskron an der Grenze zu
                                             Mähren stammenden Flüchtlinge,
        richts erfolgte nach dem Vorbild des   etwa 500 Personen, wollte 1732
        Halleschen Waisenhauses. Von hier    ebenfalls nach Berlin. Sie verließen
        besorgte sich Petermann die benö-
        tigten Schulbücher in deutscher und   ihre zwischenzeitliche Oberlausitzer
        tschechischer Sprache. Wegen der     Heimat aus Unzufriedenheit über
                                             die materiellen und rechtlichen
        Armut der böhmischen Exulanten bat   Verhältnisse, aber auch aus litur-
        er Gotthilf August Francke um Hilfe,   gischer Opposition. Ihr Katechet
        die dieser auch gewährte. Geeignete
        Schüler bereitete Petermann auf ein   Johann Liberda reichte ihnen zwar
        Universitätsstudium vor. Dafür grün-  beim Abendmahl nach Tradition der
                                             Brüder-Unität Brot statt Oblaten,
        dete er mit Unterstützung von Adolph   doch der Druck, sich der in Sachsen
        Gebhard Manitius eine „Anstalt der   vorherrschenden lutherischen Kir-
        studierenden Böhmen“. 1737 wurde
        die in der Tradition der Prager Beth-  che anzupassen, blieb groß. Liber-
        lehemskapelle des Jan Hus stehende   da war ein Anhänger von August
                                             Hermann Francke in Halle, welcher
        Bethlehemkirche der böhmischen       die Fluchtbewegung aus Böhmen
        Exulantengemeinde in Berlin ge-      förderte und dafür Großhennersdorf
        weiht (im Zweiten Weltkrieg schwer
        beschädigt, in der DDR abgetragen).   als Stützpunkt auserkoren hatte. Die
        Gemeinsam mit Andreas Macher         Herrin auf Großhennersdorf, Hen-
                                             riette Sophie von Gersdor+ , stand
        und dem ehemaligen Großhenners-      zwar dem Pietismus nahe, im Unter-
        dorfer Augustin Schultze verfasste   schied zum benachbarten Herrnhu-
        Petermann anlässlich der Kirchweihe
        Lobgedichte auf den König („Das      ter Nikolaus Ludwig von Zinzendorf
        kleine Bethlehem als ein geistlich Brot   und Pottendorf wollte sie aber an der
                                             Leibeigenscha*  nicht rütteln
        – Haus für hungrige Selen“). Schon in

        268
   263   264   265   266   267   268   269   270   271   272   273