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Hesse den Au* rag des Königlichen   Zahnuntersuchungen für Volksschü-
        Ministeriums zur Konzeption von     ler eingeführt. Dieses soziale Engage-
        Status und Etat eines Zahnärztlichen   ment führte zu Auseinandersetzun-
        Instituts an der Universität Leipzig.   gen mit den Krankenkassen um die
        Es sollte sich – nach amerikanischem   Übernahme der Kosten und belastete
        Vorbild – % nanziell teilweise selbst   die Wirtscha* lichkeit seiner Zahn-
        tragen. Am 16. Oktober 1884 wurde   klinik. Hesse legte den Schwerpunkt
        es in Leipzig, Goethestraße 5, als ers-  auf Ausbildung (universitäre Anbin-
        tes derartiges Institut in Deutschland   dung) sowie auf praktische Tätigkeit.
        erö+ net. Die Gründung war auch     Für eigene wissenscha* liche Arbeit
        dank Pfarrer Friedrich Adolph Huth   blieb wenig Raum. Er vertrat das
        möglich geworden, der dafür in sei-  (damals bereits unübliche) Prin-
        nem Testament 15000 Mark gesti* et   zip eines einheitlichen Unterrichts,
        hatte. Hesse, seit dem 28. April 1884   wonach der gesamte Unterricht der
        außerordentlicher Professor, wurde   Person des Direktors unterstand. 1898
        zum Leiter des Instituts berufen. Das   erfolgte die vollständige Übernahme
        Institut hatte anfänglich nur 7 Stu-  durch die Universität. Hesse wurde
        denten. Es erhielt zwar Fördermittel,   als erster Lehrstuhlinhaber berufen.
        befand sich aber nicht in direkter   Steigende Studentenzahlen und die
        staatlicher Trägerscha* . Zu seinen   Notwendigkeit wissenscha* licher
        Patienten zählten vorwiegend Arbei-  Fundierung, aber auch zu geringe
        ter und Gewerbetreibende, die durch   Eigen% nanzierung hatten diesen
        Studierende für geringes Entgelt bzw.   Schritt erforderlich gemacht. Hesse
        kostenfrei behandelt wurden. Trotz   war von 1890 bis 1906 Vorsitzender
        vieler Probleme im Vorfeld war Hesse   des „Zahnärztlichen Vereins für das
        Leipzig treu geblieben, obwohl ihm   Königreich Sachsen“, von 1891 bis
        inzwischen ein ehrenvolles Angebot   1900 erster Vorsitzender des „Zen-
        als Gründungsdirektor eines Berliner   tralvereins Deutscher Zahnärzte“ und
        Zahnärztlichen Instituts vorgelegen   Mitglied des Exekutivkomitees der
        hatte. Hesse orientierte auf Zahner-  „Féderation Dentaire Internationale“.
        haltung und Kariesprophylaxe anstel-  Die Konkurrenzsituation zwischen
        le einer reinen Extraktionstherapie.   verschiedenen die Zähne behandeln-
        Erstmals in Deutschland erhielten ab   den Berufsgruppen führte zu he* i-
        1886 Mitglieder einer Ortskranken-  gen Standesauseinandersetzungen,
        kasse konservierende Behandlungen.   in denen sich Hesse besonders aktiv
        Hesse bemühte sich sachsenweit um   engagierte. Jahrelang vergebliche,
        die Kariesprophylaxe an Schulen und   leidenscha* liche Bemühungen um
        den Schutz der Patienten vor über-  die Gleichstellung der Zahnheilkunde
        höhten Honorarforderungen. Schon    mit der übrigen Medizin sowie ein
        1891 wurden in Chemnitz kostenlose   Gerichtsstreit mit „Spezialärzten für

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