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In dieser schweren Zeit entstand eine zia durch Russen, die Heimkehrern
Publikation Garbes, die heute für aus den westlichen Besatzungszonen
die Ortsgeschichtsschreibung von galt. Für diese war der Abtransport in
großem Wert ist und die damals wohl nunmehr russische Kriegsgefangen-
seiner Protesthaltung entsprang. Sie scha* vorgesehen. Fremde Menschen
erschien in der ehemaligen Tagungs- halfen spontan, den Gefährdeten
zeitung „Sächsischer Erzähler“, Sonn- zu verbergen. Glücklich zur Familie
tagsbeilage „Unsere Heimat“ vom 11. heimgekehrt, teilte er am 25. Oktober
und 18. April 1938. Der dort mit einer 1945 der Superintendentur mit, dass
Fortsetzung abgedruckte Beitrag von er seine Amtstätigkeit in Großdreb-
Garbe, P. (P. vermutlich für „Pfarrer“): nitz wieder aufgenommen habe. Am
„Vorarbeiten für eine Dorfchronik“ 9. November 1945 konnte ihm die
ging im Inhalt nicht auf NS-ideologi- Superintendentur seinen neuen Per-
sche Aspekte ein. Stattdessen wurden sonalausweis (mit russischer Überset-
der nationalsozialistischen Ideologie zung und Abstempelung) zustellen.
fremde Autoren wie B@T>] B?@^q=_ Erst jetzt war Garbe in Sicherheit.
und Kirchschullehrer Willy Sorber, Im Jahr 1947 kam der einst aus der
1937 in Großdrebnitz suspendiert, als Schule entfernte Oberlehrer Willy
bedeutende lokale Geschichtsquellen Sorber zurück in das Dorf. Garbe hat-
genannt. te diese Heimkehr ermöglicht durch
die Einstellung Sorbers als Kantor
Während Garbe seinen Wehrdienst und dessen Aufnahme in eine Woh-
leistete, musste sich die Ehefrau im nung auf dem Pfarrgrundstück. Der
Dorf kleinlicher Gehässigkeiten damalige / eologiestudent Reinhard
führender NS-Mitglieder erwehren. Leue erhielt bei Garbe zeitweise Kost
In dieser Zeit war für sie die Unter- und Logis.
stützung des Bürgermeisters Otto
Heinrich von großer Bedeutung. Garbe musste bald erkennen, dass der
Zum Kriegsende kam Garbe an der sozialistische Nachfolgestaat nicht nur
Westfront in amerikanische Ge- kirchen-, sondern auch menschen-
fangenscha* und wurde frühzeitig feindliche Züge annahm. Allerdings
entlassen – aber nicht nach Hause in waren im Großdrebnitz der Nach-
die sowjetische Besatzungszone. Das kriegszeit die Bemühungen, eine
Überschreiten der Zonengrenze war „Klassenkampfstimmung“ zu erzeu-
äußerst gefahrvoll und gelang nur gen, vergeblich geblieben. Das hatte
mit Unterstützung durch ihm zuge- seine Ursache in der Kirchenfreund-
tane Menschen auf dem Tender einer lichkeit der Einwohner, aber auch in
Damp# okomotive. Auf dem weiten einer der Kirche gegenüber toleranten
Weg nach Hause geriet er noch ein Haltung des (Neu-)Lehrerkollegiums.
weiteres Mal in Gefahr bei einer Raz- Das lieb gewordene Großdrebnitz
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