Page 204 - Lebensbilder_aus_der_Oberlausitz
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Lier war ein wichtiger Kulturrefor- aterreferat. Auch auf diesem Gebiet
mer und stand dem „Naturalismus“ war die Zeit reif für Veränderungen.
nahe. Er schrieb in den 1890er Jahren Das Ho* heater brachte Goethe, Schil-
viele Beiträge für die Zeitschri* „Der ler und Shakespeare, dagegen stand
Kunstwart“ von Ferdinand Avenari- man den jüngeren Dichtern wie Ger-
us, die Literatur, / eater, Musik und hart Hauptmann zunächst skeptisch
bildende Kunst thematisierte und sich gegenüber. Lier förderte die junge
zu einem deutschlandweit angesehe- Dichtung im Dresdner Anzeiger, aber
nen Blatt der Kulturreformbewegung auch mit Beiträgen in anderen Zei-
entwickelte. Zu Liers / emen im tungen und Zeitschri* en (Norddeut-
Kunstwart gehörten theoretische und sche Allgemeine Zeitung, Münchner
historische Aspekte der / eaterkunst, Allgemeine, Bühne und Welt, Blätter
aber auch / eaterkritik und Zen- für literarische Unterhaltung, Wage,
sur. Er war in Dresden Mitglied der Die Grenzboten u.v.m.).
„Litterarischen Gesellscha* “ und im
Dü rerbund, der die Kunstwart-Inte- Im Jahre 1902 folgte Lier / enius als
ressenten vereinigen sollte. Die Lit- Chefredakteur, das / eaterreferat
terarische Gesellscha* , 1886 aus der übergab er Friedrich Kummer. Der
O+ enen Loge hervorgegangen, entwi- Dresdner Anzeiger blieb einer der
ckelte sich zu Dresdens wichtigstem entschiedensten Fürsprecher von
Verein für literarisch Interessierte, Gerhart Hauptmann. Die Zeitung
indem sie sich breiten Bevölkerungs- verdankte Lier ihren weiteren raschen
schichten ö+ nete, darunter Frauen, Aufstieg, von 1900 bis 1914 verdop-
Juden, Sozialdemokraten. Überall pelte sich die Au# age von 23.500 auf
hier traf Lier mit Paul Schumann zu- 46.500 Exemplare. Besondere Unter-
sammen. Gemeinsam leiteten sie den stützung gewährte ihm Oberbürger-
Verein Dresdner Journalisten. Schu- meister Gustav Otto Beutler. Dies war
mann, seit 1884 als Kunstkritiker fest wichtig, weil der Dresdner Anzeiger
beim Anzeiger angestellt, wurde für zwar formal unabhängig war, sich
fast 30 Jahre zu einem engen Mitstrei- aber praktisch in städtischem Besitz
ter. Schumann engagierte sich für die befand. Angri+ en auf die Pressefrei-
deutsche Sprache, den Heimatschutz, heit musste widerstanden werden.
die Freilichtmalerei und die Volksbil- Justus Friedrich Güntz hatte 1856
dung, machte sich aber auch durch den Dresdner Anzeiger in die Dr.
vehemente Kritiken an der traditio- Güntz‘sche Sti* ung eingebracht, die
nellen Dresdner Malerei und an Karl er der Stadt Dresden übereignete
May viele Feinde. 1901 übernahm er mit der Au# age, dass alle Erträge für
die Leitung des Feuilletons. Genauso soziale Zwecke und zur Verschöne-
engagiert wie Schumann, häu% g aber rung der Stadt eingesetzt werden. Der
diplomatischer arbeitete Lier im / e- jeweilige Oberbürgermeister Dres-
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